Naturpark Südgelände Berlin: Wo Industriekultur auf wilde Natur trifft
Ein Ort, an dem die Zeit stehengeblieben scheint.
Ein Spaziergang durch den Naturpark Südgelände am S-Bahnhof
Priesterweg in Berlin-Schöneberg fühlt sich an, als sei die Zeit eingefroren.
Zwischen rostigen Relikten der Dampflokära und einer beeindruckenden
Naturvielfalt entfaltet sich ein einzigartiges Zusammenspiel aus Geschichte und
Wildnis.
Die heutige Naturlandschaft konnte erst entstehen, nachdem der Rangierbahnhof Tempelhof 1952 seinen Betrieb einstellte. Bis dahin prägten täglich dampfende Lokomotiven das Gelände und hüllten es in Rauch und Ruß.
Wie die Natur das Südgelände zurückeroberte
Nach der Stilllegung begann die Natur, das Areal Stück für Stück zurückzugewinnen. Aus der einstigen Bahnbrachenlandschaft entwickelten sich:
*üppige Hochstaudenfluren,
*ein dichter, urwüchsiger Wald, der ohne menschlichen
Einfluss entstand.
1999 wurden große Teile des Gebiets zum Landschafts- und
Naturschutzgebiet erklärt. Seitdem haben sich hier zahlreiche seltene und
bedrohte Tier- und Pflanzenarten angesiedelt.
Dampflok 50 3707: Ein Highlight für Eisenbahnfreunde
Über das gesamte Gelände verteilt finden sich eindrucksvolle Relikte der Eisenbahngeschichte. Besonders beliebt ist die historische Dampflokomotive 50624, die 1940 bei Henschel in Kassel gebaut wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb sie in der DDR und erhielt
in den 1960er Jahren die Nummer 50 3707. Heute ist sie – gemeinsam mit dem
markanten Wasserturm – eines der bekanntesten Wahrzeichen des Naturparks.
Der Wasserturm: Heimat des Turmfalken
Der 50 Meter hohe Wasserturm aus dem Jahr 1927 diente einst der schnellen Befüllung der Dampfloks. Sein Fassungsvermögen von 400 Kubikmetern entsprach etwa zehn Schlepptendern.
Heute ist der Turm nicht mehr begehbar – doch ein Bewohner
genießt die Aussicht: Ein Turmfalke, der seit Jahren in einem alten
Einschussloch aus dem Zweiten Weltkrieg nistet.
Auch die benachbarte Lokhalle, Teil der denkmalgeschützten
Anlage, erinnert an die Dimensionen des einstigen Rangierbahnhofs.
Wie der Rangierbahnhof Tempelhof Berlin veränderte
Um 1800 lag das Südgelände noch am Rand der preußischen
Residenzstadt. Mit dem Bau wichtiger Bahnstrecken wie:
*Berlin-Potsdamer Stammbahn (1838)
*Anhalter Bahn (1841)
*Ringbahn (1871)
*Dresdener Bahn (1875)
begann eine rasante wirtschaftliche Entwicklung. 1879
entstand zunächst das Ausbesserungswerk Tempelhof, später der Verschiebebahnhof
Tempelhof, der zwischen 1923 und 1931 zu einem der leistungsfähigsten
Rangierbahnhöfe Berlins ausgebaut wurde. Täglich wurden über 130 Güterzüge neu
zusammengestellt oder aufgelöst.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Alliierten die
Bahnflächen in West-Berlin. Mit der Teilung der Stadt verlor der Rangierbetrieb
an Bedeutung. 1950 stellte die DDR den Güterverkehr durch West-Berlin ein – das
Südgelände verfiel und wurde schließlich von der Natur zurückerobert.
Artenvielfalt im Naturpark Südgelände
Der Naturpark ist heute ein Hotspot der Industrienatur. Laut
Grün Berlin leben hier:
*30 Brutvogelarten
*57 Spinnenarten
*95 Wildbienenarten
*mehrere Heuschreckenarten
*über 350 Pflanzen- und Großpilzarten
Darunter befinden sich auch fremdländische Arten wie die aus
Südfrankreich stammende Höhlenspinne Nesticus eremita, die einst über den
Güterverkehr nach Berlin gelangte.
Besonders wertvoll sind seltene Pflanzen wie das
Wiesen-Habichtskraut sowie neun nachgewiesene Wildrosenarten, die dank der
vielfältigen Kleinstrukturen ideale Lebensbedingungen finden.
Ausstellung „Bahnbrechende Natur“
Ein Muss für Besucher ist die Freilandausstellung
„Bahnbrechende Natur“ (seit 2017). Sie erzählt die außergewöhnliche Geschichte
des Parks und zeigt, wie sich Tiere und Pflanzen das Gelände über Jahrzehnte
zurückerobert haben.
Rundwege durch den Kunst-, Kultur- und Landschaftspark
Die Vielfalt des Naturparks lässt sich besonders gut auf den ausgeschilderten Rundwegen erkunden:
1 Kilometer – kompakter Überblick
3 Kilometer – intensiver Einblick in Natur und
Industriekultur
Text und Fotos: Klaus Tolkmitt






Kommentare
Kommentar veröffentlichen