Berliner Originale - Die „Harfenjule“
Luise Nordmann, die berühmte Straßenmusikantin.
Berlin wäre ohne seine Originale kaum vorstellbar – so
unvollständig wie eine Currywurst ohne Schrippe. Seit dem 19. Jahrhundert
prägen Figuren wie Bimmel-Bolle, Krücke, Pinselheinrich, Mutter Lustig, der
Hauptmann von Köpenick oder Eckensteher Nante das Stadtbild und verkörpern die
berühmte „Berliner Schnauze“. Sie waren laut, frech, eigenwillig – und machten
das Berliner „Milljöh“ unverwechselbar.
Zu diesen prägenden Persönlichkeiten gehört auch eine der
bekanntesten Straßenmusikantinnen der Stadt: die Harfenjule.
Wer war die Harfenjule?
Trotz eingeschränkter Sicht verfügte sie über eine
außergewöhnliche Stimme. Ein Offizier der russischen Kolonie in Potsdam
erkannte ihr Talent und ermöglichte ihr Gesangsunterricht. Schon als Kind
verdiente sie so Geld für sich und ihre Eltern – der Beginn einer lebenslangen
Karriere als Straßenmusikantin.
Das bewegte Leben der Luise Nordmann
Luise heiratete den Puppenspieler Emil Nordmann, mit dem sie
zwei Kinder bekam. Gemeinsam reisten sie mit einem Puppentheater durch
verschiedene Städte, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Doch das
Familienglück war nur von kurzer Dauer: 1871 starben sowohl ihr Mann als auch
die beiden Kinder an Tuberkulose.
Nach diesem Schicksalsschlag zog Luise Nordmann nach
Berlin-Schöneberg. Dort lebte sie mit ihrer Schwägerin in einer Kellerwohnung
in der Steinmetzstraße und arbeitete fortan als Straßenmusikantin.
Die Harfenjule im Berliner Stadtbild
Bis zu ihrem Tod im Jahr 1911 war die Harfenjule täglich auf
Berlins Straßen unterwegs – bei jedem Wetter. Ihr Markenzeichen: ein breiter,
schwarzer, oft abgenutzter Strohhut, eine reparaturbedürftige Harfe, die sie
auf dem Rücken trug und ein blumengeschmücktes, unverwechselbares Auftreten.
Diese Erscheinung machte sie zu einer Ikone des Berliner
Alltagslebens. Zahlreiche Zeitungen berichteten über sie, und viele Künstler
hielten sie in Bildern und Skulpturen fest. Ihre finanzielle Notlage blieb
jedoch weitgehend unerwähnt.
Heinrich Zille und die Harfenjule
Der berühmte Berliner Zeichner und Fotograf Heinrich Zille
porträtierte die Harfenjule mehrfach. Seine Darstellungen trugen entscheidend
dazu bei, dass sie bis heute als Symbolfigur des alten Berlins gilt.
Tod und Erinnerung
1969 setzte eine private Initiative ihr zu Ehren einen neuen
Gedenkstein auf dem Luther-Kirchhof in Berlin-Lankwitz – ein stilles Denkmal
für eine Frau, die das Berliner Straßenbild über Jahrzehnte prägte.
Die Harfenjule als Symbol des alten Berlins
Die Harfenjule steht exemplarisch für die Berliner
Originale, die das Stadtleben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt
haben. Ihre Lebensgeschichte erzählt von Armut, Schicksalsschlägen, aber auch
von unerschütterlicher Lebensenergie. Bis heute gilt sie als eine der
bekanntesten Figuren des Berliner Volkslebens. Text: Klaus Tolkmitt Fotos;
Wikipedia


Kommentare
Kommentar veröffentlichen