Berliner Originale - Die „Harfenjule“

Luise Nordmann, die berühmte Straßenmusikantin.

Berlin wäre ohne seine Originale kaum vorstellbar – so unvollständig wie eine Currywurst ohne Schrippe. Seit dem 19. Jahrhundert prägen Figuren wie Bimmel-Bolle, Krücke, Pinselheinrich, Mutter Lustig, der Hauptmann von Köpenick oder Eckensteher Nante das Stadtbild und verkörpern die berühmte „Berliner Schnauze“. Sie waren laut, frech, eigenwillig – und machten das Berliner „Milljöh“ unverwechselbar.

Zu diesen prägenden Persönlichkeiten gehört auch eine der bekanntesten Straßenmusikantinnen der Stadt: die Harfenjule.

Wer war die Harfenjule?

Die „Harfenjule“ war das Künstlerpseudonym von Luise Nordmann, einer blinden Straßensängerin, die im kaiserlichen Berlin zu einer lokalen Berühmtheit wurde. Geboren 1829 in Potsdam, kam sie blind zur Welt. Erst eine Operation durch den renommierten Augenarzt Albrecht von Graefe verschaffte ihr etwa 50 Prozent Sehkraft.

Trotz eingeschränkter Sicht verfügte sie über eine außergewöhnliche Stimme. Ein Offizier der russischen Kolonie in Potsdam erkannte ihr Talent und ermöglichte ihr Gesangsunterricht. Schon als Kind verdiente sie so Geld für sich und ihre Eltern – der Beginn einer lebenslangen Karriere als Straßenmusikantin.

Das bewegte Leben der Luise Nordmann

Luise heiratete den Puppenspieler Emil Nordmann, mit dem sie zwei Kinder bekam. Gemeinsam reisten sie mit einem Puppentheater durch verschiedene Städte, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Doch das Familienglück war nur von kurzer Dauer: 1871 starben sowohl ihr Mann als auch die beiden Kinder an Tuberkulose.

Nach diesem Schicksalsschlag zog Luise Nordmann nach Berlin-Schöneberg. Dort lebte sie mit ihrer Schwägerin in einer Kellerwohnung in der Steinmetzstraße und arbeitete fortan als Straßenmusikantin.

Die Harfenjule im Berliner Stadtbild

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1911 war die Harfenjule täglich auf Berlins Straßen unterwegs – bei jedem Wetter. Ihr Markenzeichen: ein breiter, schwarzer, oft abgenutzter Strohhut, eine reparaturbedürftige Harfe, die sie auf dem Rücken trug und ein blumengeschmücktes, unverwechselbares Auftreten.

Diese Erscheinung machte sie zu einer Ikone des Berliner Alltagslebens. Zahlreiche Zeitungen berichteten über sie, und viele Künstler hielten sie in Bildern und Skulpturen fest. Ihre finanzielle Notlage blieb jedoch weitgehend unerwähnt.

Heinrich Zille und die Harfenjule

Der berühmte Berliner Zeichner und Fotograf Heinrich Zille porträtierte die Harfenjule mehrfach. Seine Darstellungen trugen entscheidend dazu bei, dass sie bis heute als Symbolfigur des alten Berlins gilt.

Tod und Erinnerung

Luise Nordmann starb am 12. Januar 1911 im Alter von über 80 Jahren in Berlin. Sie erhielt ein Ehrengrab auf dem damaligen „Promifriedhof“ in Lichterfelde, das jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

1969 setzte eine private Initiative ihr zu Ehren einen neuen Gedenkstein auf dem Luther-Kirchhof in Berlin-Lankwitz – ein stilles Denkmal für eine Frau, die das Berliner Straßenbild über Jahrzehnte prägte.

Die Harfenjule als Symbol des alten Berlins

Die Harfenjule steht exemplarisch für die Berliner Originale, die das Stadtleben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt haben. Ihre Lebensgeschichte erzählt von Armut, Schicksalsschlägen, aber auch von unerschütterlicher Lebensenergie. Bis heute gilt sie als eine der bekanntesten Figuren des Berliner Volkslebens. Text: Klaus Tolkmitt Fotos; Wikipedia

Hier geht es zu "Krücke", ein weiteres Berliner Original

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