Berliner Originale – „Krücke“ war Stammgast im Sportpalast.

Was wäre Berlin ohne seine Originale?

Das wäre wie Currywurst ohne Schrippe – schlicht undenkbar! Schon im 19. und 20. Jahrhundert sorgten Figuren wie Bimmel-Bolle, Krücke, Pinselheinrich oder Mutter Lustig auf den Straßen der Stadt für die unverwechselbare „Berliner Schnauze“. Sie waren laut, frech, manchmal schräg – aber immer ein Stück echtes Milljöh. Aber auch die Harfenjule, der Hauptmann von Köpenick, und Eckensteher Nante zählen zu den bekanntesten Berliner Originalen, die hier vorgestellt werden sollen.

Nur wenige kennen „Krücke“ mit bürgerlichem Namen

Nehmen wir Reinhold Franz Habisch, besser bekannt als „Krücke“. Ein Mann, der eigentlich Radrennstar werden wollte, aber nach einem Unfall mit der Straßenbahn auf Gehhilfen angewiesen war. Nur wenige Berliner*innen kennen „Krücke“ auch mit bürgerlichem Namen. Dabei zählt doch Reinhold Franz Habisch, der am 8. Januar 1889 am Strausberger Platz das Licht der Welt erblickte und einen Tag vor seinem 75. Geburtstag am 7. Januar 1964 verstarb, zu den Berliner Originalen, die in die Annalen eingegangen sind.

Die Sportlerkarriere fand ein schnelles Ende

In seiner Jugend träumte „Krücke“ noch von einer großen Sportlerkarriere. Der „Nudeltopp“, die Treptower Radrennpiste war sein Zuhause. Doch 1905 schlug das Schicksal erbärmlich zu. Er war mit seinem Rad auf regennasser Straße unterwegs, strauchelte, geriet unter eine Straßenbahn und wurde von der Tram überfahren. Er überlebte den schweren Unfall, war aber für den Rest seines Lebens auf Krücken angewiesen.

Seinen Spitznamen bekam er nach einem Skatabend in einem Biergarten mit seinen Freunden. Die hatten seine Krücke unbeobachtet an einem Fahnenmast aufgehängt. Habisch vermisste seine Gehhilfe natürlich und rief laut nach der Krücke. Von diesem Tag an hatte er seinen Spitznamen.

Krücke – Stammgast im Sportpalast


„Krücke“ war kein stiller Leidender. Ganz im Gegenteil. Seine Begeisterung für den Radsport hat er trotz aller Rückschläge nie verloren und wurde in den 1920-Jahren bei den Sechstagerennen Stammgast im Sportpalast. Ganz oben auf dem Heuboden, den billigen Plätzen, gehört "Krücke" Habisch schon fast zum Inventar. Von dort aus heizt er mit Klamauk und Witzen die Stimmung auf, reißt seine Possen, jubelt und beleidigt schon gern einmal die versammelte Prominenz.


So richtig bekannt wurde Reinhold Habisch 1923 im Zusammenhang mit dem Sportpalastwalzer. Komponist Siegfried Translateur hat ihn Jahre zuvor in Wien komponiert und mit einem signifikanten, viermaligen Händeklatschen versehen. Also eigentlich wie gemacht für so ein Rennen mit jubelwütigem Publikum. „Krücke“ verpasst der Begleitmusik seine eigene Note, indem er in der dritten Walzersequenz die Musik mit einem prägnanten Pfiff untermahlt.

Der König mit dem Pfiff - Sechstagerennen hat eine eigene Hymne –

Das Sechstagerennen hatte nun eine eigene Hymne und „Krücke“ wird zum heimlichen König des Sportpalastes. "Wenn ick dann meene zwei Finger in die Schnute steckte und eine Arie dazwischen zwitscherte, dann freute sich die janze Bande.“, so „Krücke“, der schon bald überregional bekannt wurde. Das Publikum tobte, die Radfahrer strampelten noch schneller, und Krücke wurde zur Legende.

Sein Pfeifen macht ihn unsterblich und es gibt keinen in der Berliner Radsportszene, der ihn und seine Pfeiftiraden nicht kennt. Als das Sechstagerennen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen wird, ist nach wie vor seine Version des Sportpalastwalzers die offizielle Erkennungsmelodie.

Habisch starb einen Tag vor seinem 75. Geburtstag und liegt in einem Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Neuen Teil des Kirchhofs der St.-Thomas-Gemeinde II in Berlin-Neukölln begraben. Text und Fotos Klaus Tolkmitt

6-Tage-Rennen im Sportpalast mit Krücke (Video)

          In der nächsten Folge der Berliner Originale geht es um die „Harfenjule“ aus Schöneberg.

Hier der Link zu der Geschichte von Bimmel-Bolle.

Hier stand der Sportpalast   Hier geht es zu Berichten von MeinBerlin-erleben

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