Freitag, 27. November 2020

Dalli, Dalli, durch das Wins- und Bötzowviertel

Das Soho-Haus

Ein Besuch bei den "Prenzlbergern"

Berliner Flair mit mediterraner Note, versteckten Kleinnoden, kleinen Boutiquen und Geschäften in wunderschön sanierten Wohnhäusern aus der Zeit um 1900, säumen den Weg in Prenzlauer Berg.

Auf einem Spaziergang durch das Wins- und Bötzowviertel wollen wir den Berliner Ortsteil ein wenig näher kennenlernen.

Schau auch mal hier bei lialo:  Dalli, Dalli, durch das Wins- und Bötzowviertel

Wir beginnen den Rundweg vor dem Soho Haus an der Ecke Torstraße/Prenzlauer Allee.

Das Haus mit der persönlichen Note ist ein Hotel und Privatclub zugleich. Man braucht eine Mitgliedschaft, um den exklusiven "Spielplatz" der selbsternannten Elite des Lifestyle zu erleben.

In der Dependance des britischen Privatclubs Soho House übernachten schon mal George Clooney, Madonna und Brad Pit, wenn sie in Berlin sind.

Ursprünglich hatte der jüdische Kaufmann Hermann Golluber 1928/29 das Haus im Stil der Neuen Sachlichkeit als Kaufhaus errichten lassen.

Das Kaufhaus Jonaß hatte zur damaligen Zeit ein bahnbrechendes Konzept. Es wurde ein Warenhaus, in dem die Berliner „auf Pump“ einkaufen konnten. Kunden zahlten ein Viertel des Kaufpreises, erhielten dafür einen Kaufschein und konnten den Rest in vier Monatsraten abzahlen. Die Möglichkeit des Ratenkaufs kam vor allem der finanziell schwachen Bevölkerung im nahe gelegenen Scheunenviertel und den Mietskasernen an der Prenzlauer Allee entgegen.

Als 1933 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) an die Macht kam, wurden die jüdischen Besitzer von ihren Teilhabern enteignet. Das leerstehende Gebäude wurde zunächst an die Leitung der Reichsjugendführung vermietet, 1942 schließlich an die NSDAP verkauft.  

Zu DDR-Zeiten war es bis 1959 die Zentrale der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), danach das Institut für Marxismus-Leninismus.

Nach dem Fall der Berliner Mauer erhielten die Nachkommen der jüdischen Besitzer das Haus zurück. Das Gebäude stand dann zehn Jahre lang leer. 2007 erwarb eine deutsch-britische Investorengruppe den Komplex für neun Millionen Euro.

Die neuen Eigentümer veranlassten eine denkmalgerechte Sanierung. So entstand aus dem Kaufhaus der armen Leute ein exklusiver Club mit Wellness-Bereich, Swimmingpool und Terrasse auf dem Dach.

70 Meter weiter, gleich hinter dem Soho Haus steht die "Backfabrik".

Die Backfabrik

Wo heute um die lichtdurchflutete Piazza helle Bürolofts, Gewerbeflächen und Gastronomie entstanden sind, bauten Anfang des 20. Jahrhunderts die Aschinger-Brüder ihr Imperium auf.

August und Carl Aschinger gründeten in Berlin „Bierquellen“. Das waren Stehbierhallen und später auch Restaurants, in denen man schnell, gut und preiswert essen konnte. Wenn man es genau betrachtet, dann hatten die Brüder nach heutigem Standard eine Fastfood-Kette aufgebaut.

Wir spazieren weiter auf der Prenzlauer Allee und schauen auf einer Anhöhe auf alte Gebäude. Hier stehen noch Reste der ehemaligen Bötzowbrauerei.

Die Anhöhe vor dem Tor hieß früher Windmühlenberg, weil hier bis 1870 einige Windmühlen standen. Erst später wurde daraus der "Prenzlauer Berg", heute Namensgeber für den Ortsteil im Bezirk Pankow.

Die denkmalgeschützten Gebäude werden (Stand Sommer 2020) gerade aufwendig saniert.

An der Kreuzung Belforter Straße/Prenzlauer Allee setzen wir unseren Weg auf der Heinrich-Roller-Straße fort und kommen zum Eingang des Leise-Parks.

Der Leisepark

Der ehemalige Friedhof wird seit 2007 nicht mehr für Bestattungen genutzt. Um zu verhindern, dass der Bau weiterer Häuser die Wohnbebauung in diesem Teil von Prenzlauer Berg noch mehr verdichtet, gründeten Bürger aus der Nachbarschaft die Initiative Rollerpark.

Mit öffentlichen Protesten und einer Unterschriftensammlung brachten sie den Senat schließlich zum Ankauf des Geländes. Die Bewohner der umliegenden Straßen wurden in die Nutzungsplanung und in die Namensgebung einbezogen, aus der schließlich die neue Parkanlage Leise-Park hervorging.

Obwohl Teile der Grabanlagen und Grabsteine erhalten blieben, ist der größere Teil der Parkfläche für naturnahe Spielanlagen und Verweilmöglichkeiten gedacht. Außerdem wurde ein Lehrpfad angelegt, 27 Bäume, rund 200 Großgehölze und zahlreiche Bodendecker, Farne und Frühblüher gepflanzt. Ausgedünnte Pappeln entlang der Mauer an der Heinrich-Roller-Straße wurden durch Säuleneichen ersetzt.

Aufregung gab es allerdings im Jahr 2013, als menschliche Knochen im Park gefunden wurden. Ungewissheit machte sich breit, ob der Park für Besucher nicht zu gefährlich sei, weil "dunkle Gestalten" ihr Unwesen trieben.

Obwohl die Herkunft letztendlich unklar blieb, waren wahrscheinlich Füchse die "Täter", die ein altes Grab ausgebuddelt hatten.

Wir verlassen den Park entlang und biegen links in die Winsstraße ein. Hier finden wir nicht nur die alteingessenen Prenzlberger, hier stehen die ersten sanierten Gründerzeithäuser, die uns auf dem weiteren Spaziergang häufiger begegnen werden.


Am Haus Nummer 63 befindet sich eine Gedenktafel für den beliebten Fernseh-Moderator Hans Rosenthal, der in der Winsstraße seine Kindheit und Jugend verbrachte.

Er wuchs in einer jüdischen Familie auf und erlebte als Kind die wachsende antisemitische Verfolgung durch den Nationalsozialismus.

Er hat die Verfolgung durch die Nazis nur überleben können, weil er sich von März 1943 bis Kriegsende April 1945 in der Kleingartenanlage „Dreieinigkeit“ in Berlin-Lichtenberg unter Mithilfe von nichtjüdischen Berlinerinnen verstecken konnte.

An der Marienburger Straße gehen wir rechts weiter, geradeaus über die Greifswalder Straße in die Hufelandstraße. Sie gilt als die "Königin der Straßen" in Prenzlauer Berg. Und das zu Recht.

In der Hufelandstraße

Fast jedes sanierte Gebäude ist eine architektonische Schönheit. Am Haus Nummer 14, an der Ecke Esmarchstraße lohnt ein Blick nach oben. Wunderschöne Reliefs schmücken den Turm des Hauses.

Christoph Wilhelm war Arzt und preußischer Staatsrat und lebte ab 1765 in Weimar.

Er war zu seiner Zeit der berühmteste Arzt in Weimar und besuchte die "Freitaggesellschaften" Goethes. 1801 folgte er einem Ruf nach Berlin, wo er Leibarzt des Königs Friedrich Wilhelm III. und dessen Familie wurde.

Hufeland war Erster Arzt an der Berliner Charité. Eines seiner großen Verdienste war die Einführung und Verbreitung der Pockenschutzimpfung.

Als Mitglied der Berliner Armendirektion gründete Hufeland 1810 in Berlin die erste Klinik, die mittellose Patienten behandelte. Er rief die Medizinisch-Chirurgische Gesellschaft ins Leben, die 1833 durch Allerhöchste Kabinettsorder in "Hufeland'sche Gesellschaft" umbenannt wurde.

Sein Grab befindet sich in Berlin-Mitte auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Der Stierbrunnen am Arnswalder Platz

An der Bötzowstraße laufen wir links weiter und sehen rechts eine Grünanlage. Wir sind nun am Arnswalder Platz, eine rechteckige Parkanlage, mit dem Brunnen der Fruchtbarkeit. Für die Berliner ist es der "Stier- oder Ochsenbrunnen".

Der Brunnen dominiert natürlich die Parkanlage, die seit 1977 unter Denkmalschutz steht. Die Anlage war ursprünglich der Entwurf des Berliner Bildhauers Hugo Lederer in einem Wettbewerb 1910 für einen Monumentalbrunnen in Buenos Aires.

Sein Entwurf wurde aber nicht ausgeführt. Der Berliner Magistrat kaufte 1927 das Projekt und veranlasste seine Realisierung, obwohl unklar war, woher das Geld dafür kommen sollte (veranschlagt waren an die 400.000 Mark).

Das immense Gewicht hatte auch zur Folge, dass eine Aufstellung des Brunnens auf dem Baltenplatz (seit 1947 Besarinplatz) in Friedrichshain nicht durchzuführen war, da die Tragfähigkeit des von zahlreichen gusseisernen Versorgungsrohren durchzogenen Platzes für ein derart schweres Kunstwerk nicht ausgereicht hätte. Auch der alternativ vorgeschlagene Forckenbeckplatz beim Zentralviehhof in Friedrichshain schied wegen seines sumpfigen Untergrundes aus.

Wir verlassen den Platz in südlicher Richtung und gehen zwischen den beiden Spielplätzen auf die Pasteurstraße. Ein paar Meter weiter rechts stehen wir wieder auf der Bötzowstraße, die wir aus Richtung Hufelandstraße schon ein Stück gekommen sind. Jetzt geht es aber über die Hufelandstraße weiter geradeaus gut 500 Meter bis zur Straße Am Friedrichshain.


Direkt an der Ecke treffen wir auf die „Grande Dame“ der Berliner Filmtheater, dem Filmtheater am Friedrichshain.

Seit seiner Eröffnung 1925 unter dem Namen „Olympia“ mit beeindruckenden 1.200 Plätzen und den für die Stummfilmzeit typischen Orchestergraben, ist der Spielbetrieb dieses Kinotempels nie unterbrochen worden. Zur Eröffnung wurde der Film "Aschermittwoch" u. a. mit Adele Sandrock gezeigt.

Wir nähern uns dem Ende der Tour. Wir steigen vom Kino die breite Freitreppe hinab und laufen rechts 100 Meter bis zum nächsten Abzweig. Dort überqueren wir die breite Straße Am Friedrichshain und tauchen in den Volkspark Friedrichshain ein, der schon im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg liegt.

Wenige Meter weiter stehen wir auf der Rückseite des Märchenbrunnens. Im Sommer sprudeln im Brunnen gleich mehrere kleine Fontänen, die von zahlreichen Märchenskulpturen der Grimmschen Märchensammlung eingerahmt werden. 


Der Märchenbrunnen ist die größte öffentliche Brunnenanlage in Berlin aus der Kaiserzeit und wurde 1913 im neubarocken Stil fertiggestellt. Bildhauer Ignaz Taschner hat die Grimmschen Märchenfiguren Hänsel und Gretel, der gestiefelte Kater, Hans im Glück, Aschenbrödel, Rotkäppchen, Schneewittchen, Dornröschen und die sieben Raben entworfen.


Hier kann man in Ruhe und in einer angenehmen Atmosphäre die Tour ausklingen lassen. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

 

Montag, 23. November 2020

Bei einem Sapaziergang Sport und Geschichte erleben (Teil 1)

Olympiastadion Berlin

Der Berliner Olympiapark mit dem Olympiastadion im Zentrum, erinnert nicht nur an die olympischen Spiele von 1936, das gesamte Gelände ist Geschichtsort monumentaler Bauweise aus der Zeit des Nationalsozialismus.   


Auf einem Rundgang über das weitläufige Gelände wollen wir den Sportpark ein wenig näher erkunden. Teil eins befasst sich mit dem Olympiastadion.     

Die komplette Tour wird bei lialo beschrieben. Schau mal hier bei lialo

Ohne das Stadion betreten zu müssen, erahnt man bei einem Blick durch die beiden Türme Bayernturm (links) und Preußenturm (rechts) am Haupteingang die Ausmaße des großen Ovals, das 1936 zur Eröffnung der XI. Olympiade 110.000 Zuschauern Platz bot.

Nach diversen Umbaumaßnahmen und Renovierungen können heute knapp 75.000 Zuschauer auf den Rängen Platz finden. 

Bei einer kostenpflichtigen Führung lässt sich auch das Innere des Stadions besichtigen. Gleich links neben dem Eingang ist das Besucherzentrum. Dort gibt es weitere Informationen und Eintrittskarten.

Das Stadion wäre noch höher und gewaltiger, wenn die Erbauer den Unterring nicht in die Erde eingelassen hätten.

Von 1936 bis 1950 hieß das Olympiastadion "Reichssportfeld" und war zur damaligen Zeit das größte Stadion der Welt!

Was nicht so bekannt ist, bereits 1916 sollte es in Berlin eine Olympiade geben. Das "Deutsche Stadion" war schon gebaut, da machte der 1. Weltkrieg den Sportlern die Teilnahme unmöglich. Das Stadion befand sich genau an der Stelle des heutigen Berliner Olympiastadions.

Das Deutsche Stadion hatte neben einem Fußballfeld eine 600 Meter lange Laufbahn, eine 666 Meter lange Radrennbahn und ein 100 Meter langes Schwimmbecken.

Schaut man durch die Türme auf das Vorfeld des Stadions, fällt rechts eine 200 Jahre alte Traubeneiche auf, die „Podbielski-Eiche“, die zu Ehren von Victor von Podbielski, dem langjährigen Vorsitzenden des Reichsausschusses für Olympische Spiele, den Namen erhielt und heute ein geschütztes Naturdenkmal ist. Eine Gedenktafel für den Sportförderer befindet sich am Marathontor im Stadion.

Die Olympischen Ringe sind immer in den Farben Blau, Schwarz, Rot, Gelb und Grün, zusammen mit der Farbe Weiß im Hintergrund gehalten und symbolisieren die „Verschlungenheit“, die Universalität der olympischen Idee und die durch sie vereinten Kontinente.

Auf dem Weg in den Olympiapark „umrunden“ wir das Stadion und gehen, das Stadion im Rücken, rechts am Besucherzentrum vorbei, Richtung S-Bahnhof und biegen dann aber schon nach ca. 180 Metern rechts in den Carl-Schuhmann-Weg ein. 

Nach weiteren 200 Metern stehen wir vor dem Südeingang des Olympiastadions auf dem Coubertinplatz.  Schauen wir durch das Zaungitter zum Stadion, sehen wir links eine große Glocke. Sie war das Symbol der Olympischen Sommerspiele 1936. Die 4,28 Meter hohe Glocke mit einem Durchmesser von etwa 2,80 Metern und 9,6 Tonnen Gewicht war nach der feierlichen Überführung in die Deutsche Reichshauptstadt am 11. Mai 1936 in den Glockenturm am Maifeld gehoben worden.

Im 2. Weltkrieg wurde die Anlage durch britische Soldaten gesprengt, die Glocke "überlebte" den Anschlag mit einem kleinen Riss und wurde schließlich auf dem Vorplatz des Olympiastadions vergraben. 1956 erinnerte man sich an das "Versteck" und buddelte die Glocke wieder aus.

Heute ist die historische Olympia-Glocke, mit der Inschrift: „Olympische Spiele 1936“ und „Ich rufe die Jugend der Welt“ Denkmal, Sehenswürdigkeit und Treffpunkt vieler Besucher des Olympiastadions.

Wir verlassen den Coubertinplatz an der Trakehner Allee und biegen rechts auf die Jesse-Owens-Allee ein. Teil 2 folgt. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt