Donnerstag, 16. Januar 2020

Berlins schmalstes Haus

Statt Qualm jetzt Eis zum Genießen

Berlin ist bekannt für seine Vielfältigkeit. Viel Wasser, eine „Grüne Lunge“, historische Gebäude und Plätze, verborgene Orte im Untergrund und skurrile Geschichten. Berlin hat aber auch hohe und kleine Häuser, breite und schmale Häuser.

Hier soll vom schmalsten Haus die Rede sein, dass im Bezirk Wedding in der Müllerstraße 156 steht und so um die vier Meter breit ist. Viele Berliner (und nicht nur aus Wedding) werden es kennen, ohne zu wissen, vor welchem Kleinod sie stehen. Unten im Haus gibt es (und das schon seit 1977) eine italienische Eisdiele, mit leckerem Eis in verschiedenen Variationen und darüber befindet sich Wohnraum über vier Etagen.

Das Haus selbst, das Ende 1895/Anfang 1900 entstanden sein soll, hat eine lange Geschichte. Eigentümer war die Firma E. Zänker, die eine Baumaterialhandlung auf dem Grundstück betrieb. Im Jahr 1900 wohnten bereits die ersten Mieter in dem Gebäude, weil der boomende Wohnungsmarkt in Berlin lukrative Geschäfte versprach. Der neue Eigentümer war „Premierleutnant a.D.“ Baron Hermann August von Oppen. Nachdem der Baron verstorben war, verkaufte seine Witwe Wilhelmine die schmale Immobilie an den Zigarrenfabrikanten Reichardt. Noch 1967 gibt es einen Bezug zu Zigaretten und Zigarren. Die Firma Krüger & Oberbeck, ein deutschlandweiter Tabakhändler, macht hier eine Filiale auf. Danach gab es nicht mehr den qualmenden Genuss sondern den Genuss von „Himbeereis mit Sahne“.

Das schmalste Bürogebäude Berlins, auf einem 2,5 Meter breitem Grundstück, steht übrigens im Bezirk Charlottenburg am Kudamm. Das aber ist eine andere Geschichte. Text und Foto: Klaus Tolkmitt

Mittwoch, 8. Januar 2020

Die Feldsteinkirche der Tempelritter



Täglich Glockenspiel von der Dorfkirche Mariendorf Neben der Dorfkirche in Marienfelde, zählt die Dorfkirche in Berlin-Mariendorf im Bezirk Schöneberg-Tempelhof zu den ältesten Dorfkirchen Berlins. Der Ortsteil Mariendorf liegt an der Bundesstraße 96 zwischen dem Ortsteil Tempelhof und dem südlichen Ortsteil Lichtenrade.
Vermutlich war es der Tempelorden, der um 1230 die Kirche an der heutigen Ecke Mariendorfer Damm/Alt-Mariendorf errichtete. Die neue Kirche ersetzte einen bis dahin hölzernen Bau. Unter der Herrschaft der Tempelritter entstand eine Feldsteinkirche mit schiffsbreitem Westturm, einschiffigem Langhaus, Chor und Apsis (vierteilige Apsiskirche). Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Feldsteinsockel des Turms durch hölzerne Obergeschosse mit quadratischem Grundriss ergänzt. Außerdem wurde an der Nordseite des Chores eine Sakristei angebaut. Seit 1737 trägt die Kirche einen charakteristischen hölzernen barocken Turmaufbau, der von einem Kupferhelm und Wetterfahne abgeschlossen wird.


Zwischen 1902 und 1903 wurde die Kirche renoviert.
Der wertvolle Schnitzaltar, der 1626 von der Stadt Cölln gespendet wurde, ist seit dem 2. Weltkrieg verschollen. Die Kirchenglocke stammt von 1480 und gehört damit zu den ältesten Berliner Kirchenglocken. Sie hat beide Weltkriege unbeschadet überstanden. Seit 1846 füllt die klangvolle Orgel des Potsdamer Orgelbaumeisters Gottlieb Heise das Gotteshaus mit geistlicher Musik.
Seit 1970 erklingt außerdem mehrmals täglich drei Minuten lang vom Turm ein Glockenspiel mit 16 Glocken. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt 


















Freitag, 3. Januar 2020

Der Weinbrunnen auf dem Rüdesheimer Platz

Winzerfest mit "Vater Rhein"

Groß und mächtig thront „Siegfried der Rosslenker“ über dem Rüdesheimer Platz. Er gehört zur gewaltigen Brunnenanlage, die die gepflegte Grünanlage dominiert.
Der Rüdesheimer Platz, inzwischen ein Gartendenkmal, liegt im Berliner Ortsteil Wilmersdorf und stellt das Zentrum des Rheingauviertels dar. Darum sind die Straßen rund um den Platz auch nach Städten und Orten aus dem Rheingau-Taunus-Kreis im Land Hessen benannt
Die 1911 entworfene neubarocke Brunnenanlage wird in ihrer Mitte von Siegfried, dem Rosslenker überragt. Flankiert wird er von einer Weinkönigin, oft auch als allegorische Figur der Mosel bezeichnet und einer männlichen Skulptur – auch als Vater Rhein beschrieben. Die Wohnsiedlung gilt als vorbildliche Frühform aufgelockerter Bauweise im Grünen. So prägen die um 1910 im englischen Landhausstil errichteten Wohnhäuser den gesamten Stadtplatz durch ihre Fassaden, Giebel und auch die Vorgärten. Die Grünanlage liegt etwas tiefer und ist durch den alten Baumbestand und die Blumenrabatten eine kleine Oase inmitten der Großstadt.
Was liegt da näher, schon seit 1967 alljährlich hier unter den ehrwürdigen dicken Plantanen und Buchen in aufgelockerter Atmosphäre das beliebte Winzerfest zu feiern. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt
Mehr Informationen über den Rüdesheimer Platz: https://www.ruedi-net.net/




 

Sonntag, 29. Dezember 2019

Berlin war von Seuchen und Epidemien geplagt



Mit den Desinfektionsanstalten kam die Hygiene in die Stadt

Ein alter Schriftzug am Haus 39 in der Ohlauer Straße in Berlin-Kreuzberg erinnert an eine Zeit zum Ende des 19. Jahrhunderts, als es mit der Hygiene in der Stadt noch nicht zum Besten bestellt war. Die Menschen erkrankten an Typhus, Cholera, Pocken oder Diphtherie. Der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis wies erstmals 1840 auf die Bedeutung der Hygiene hin und auch in Deutschland wurde das Bewusstsein für Sauberkeit von Max von Pettenkofer vertieft. So entstanden zu Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Desinfektionsanstalten.
Die Anstalt in der Ohlauer Straße ist Deutschlands älteste Desinfektionsanstalt. Man begann erst mit der Desinfektion von Kleidern, Matratzen und Bettwäsche von Kranken, dann mit dem medizinischen Besteck, später wurde (wenn notwendig) auch der gesamte Hausrat mit heißer Dampfluft behandelt, um Keime abzutöten und Krankheiten einzudämmen. Die Anlage wurde fortwährend baulich verändert und erweitert. 1925 richtete man eine Gaskammer zur Ungeziefervernichtung ein. Leider gab es für die Arbeiter gravierende Nebenwirkungen. Sie litten unter den giftigen Dämpfen und unter einem Chlor-Kalk-Gemisch. Immerhin waren 1908 113 Desinfektoren in der Anstalt, die sich bis zur Reichenberger Straße ausgedehnt hatte, beschäftigt. Im Ersten Weltkrieg reduzierte sich das Personal um etwa die Hälfte. Die verbliebenen Arbeitskräfte hatten viel zu tun.
Mit dem Krieg kamen die Pocken, die Ruhr, die Krätze und eine schwere Grippewelle, die 1918 dazu führte, dass über 300 Berliner Schulen schließen mussten. Nach dem Krieg wuchs die Armut und somit auch wieder die Gefahr von Epidemien. Zwischen 1923 und 1927 stieg die Zahl der Desinfektionen sprunghaft an. 29000 Todes- bzw. Krankheitsfälle wurden in der Stadt registriert und über 39000 Desinfektionen durchgeführt. Nicht verschweigen sollte man aber auch, dass in der damaligen Zeit heftig über Erfolg und Notwendigkeit einer Desinfektion diskutiert wurde. Letztendlich blieb die Bedeutung der Desinfektionsanstalt für die Volksgesundheit unbestritten.
Den 2. Weltkrieg überstand das Haus unbeschadet und stand noch einmal im Mittelpunkt, als sich im Sommer 1945 Ruhr und Typhus in den zerstörten Stadtteilen ausbreitete. Kriegsheimkehrer und Vertriebene importierten über dreißig registrierte ansteckende Krankheiten. Ende der vierziger Jahre kehrte langsam Ruhe ein. Lediglich 1961, als die DDR eine Desinfizierung der Geschenksendungen in die Demokratische Republik verlangte, hatten die Männer in Kreuzberg einige Hände voll zu tun. 1987, hundert Jahre nach der Einweihung der ersten Berliner Desinfektionsanstalt, wurde die Anlage in der Reichenberger Straße/Ohlauer Straße aufgegeben. Heute lernen und spielen hier Kinder. Von der ursprünglichen Bebauung blieben wesentliche Teile erhalten. Geformte Ornamentfriese und zinnenartige Dachabschlüsse beleben das Fassadenbild. Auch der Schornstein der Dampfanlage blieb erhalten und mahnt wie ein überdimensionaler Zeigefinger Sauberkeit und Ordnung an. Text und Fotos: Klaus Tolkmitt

Samstag, 21. Dezember 2019

Berlins südlichster Punkt


In Rauchfangswerder ist Berlin zu Ende

Am Rande Berlins gibt es viele schöne Ecken, die sich zu besuchen lohnen. Ob im Norden oder Süden, Westen oder Osten, überall aber gab es bis 1989 unüberwindbare Mauer- und Zaunanlagen, die ein Betreten des Grenzgebietes verhinderten. Nun ist aus der innerdeutschen Grenze eine „unsichtbare“ Landesgrenze geworden, die zum Teil noch eine vielfältige Fauna und Flora aufweist.  
Diese Grenzen aufzuspüren ist eine besonders schöne Herausforderung, wenn man zum Beispiel den südlichsten Punkt Berlins finden will. 

Schaut man sich den Berliner Stadtplan an, dann kann man schnell vermuten, dass Schmöckwitz im Bezirk Treptow-Köpenick ziemlich weit im Süden liegt. Schmöckwitz ist umschlossen von Wald und Wasser, dem Langen See, dem Seddinsee, dem Zeuthener See, vom Großen Zug und dem Krossinsee. Im Ortsteil Rauchfangswerder, einer kleinen Siedlung am Zeuthener See, kommt man dann dem südlichsten Punkt Berlins tatsächlich sehr nahe, denn die Landesgrenze befindet sich mitten im See und ist somit der südlichste Punkt Berlins.

Das ehemalige Fischerdorf ist ein beliebtes Naherholungsziel und vom S-Bahnhof Grünau schnell zu erreichen. Zuerst mit der Tam 68 an der Dahme entlang bis zum Endpunkt in Schmöckwitz, dann weiter mit der Kleinbuslinie 168 der BVG bis zum Moßkopfring. Das Ufer ist allerdings durch Privatbesitz nicht direkt zu erreichen. Man muss zirka 300 Meter die Straße bis zum Waldrand laufen, um beim Waldspielplatz am See zu stehen, doch der Weg lohnt sich. Text und Foto: Klaus Tolkmitt